Kirchen im Kreis Cammin

Aus der Geschichte des kirchspielS FRitzow

Der Fritzower Pastor Franz Gottlieb Strecker

Im äußersten Nordwesten des Kreises Cammin liegt das Kirchspiel Fritzow. Eine erste Kirche wurde bereits im 14. Jahrhundert errichtet. Eingepfarrt sind die Orte Granzow, Lüchenthin, Raddack, Ramsberg, Stresow, Berg- und Walddievenow. Eine Kapelle auf der Dievenow wurde 1597 abgerissen und erst 1898 konnte in Berg-Dievenow die durch den angestiegenen Badeurlauberverkehr notwendig gewordene neue Kirche eingeweiht werden. Beide Kirchen fielen den Kriegsereignissen im März/April 1945 zum Opfer.
Der Ort Fritzow hat weit über die Grenzen des Kreises hinweg eine außerordentliche Bedeutung erlangt und dabei spielte das Pastorengeschlecht Strecker eine wichtige Rolle. Drei Generationen wirkten über 115 Jahre in Fritzow: Franz Gottlieb Strecker (1806-1850), sein Sohn Karl Friedrich Wilhelm (1850-1890) und der Enkel Georg Franz August (1890-1921). Da insbesondere der letztere ein Chronist der Vergangenheit und Gegenwart seines Heimatortes war und viele dutzend Beiträge zu Papier brachte, ist bis heute Vieles aus dem kleinen pommerschen Dorf unweit der Ostseeküste überliefert.
Franz Gottlieb wurde 1779 in Weichmühl (Königsmühl) als Sohn des dortigen Pastors Karl August Strecker geboren. Als sein Vater vier Jahre später verstarb, hinterließ er seine Ehefrau Dorothea Luise, geb. Crohn und sechs unmündige Kinder. Der Graf von Wartensleben, ansässig zu Schwirsen, hatte als Kirchenpatron die Absicht die mit 32 Jahren noch junge Witwe mit dem Nachfolger ihres Mannes zu verheiraten. Dies lehnte sie jedoch ab, zog zu ihrer Mutter in’s Pfarrwitwenhaus und setzte durch, daß einer ihrer Brüder in das Pfarramt berufen wurde. Bald geriet sie jedoch in solche wirtschaftlichen Schwierigkeiten, daß sie ihre beiden Söhne an weitere Brüder, ebenfalls Pastoren, zur Pflege übergeben mußte. Von Wittenfelde  gelangte Franz Gottlieb über die Stationen Morgow (bei seinem Paten, dem Gutsbesitzers Franz Elbe) an die Stadtschule in Wollin.Später berichtete er: “Die Wolliner Schule war die elendeste, die gedacht werden kann. Die Schülerzahl betrug höchstens einige zwanzig. In ihr sollte täglich sieben Stunden unterrichtet werden, in die sich der Rektor und der Kantor teilten. Im Winter ließ sich in der ersten Stunde selten jemand sehen. Vormittags erschienen die Lehrer regelmäßig in Schlafrock, Schlafmütze und Pantoffeln, der eine kam in den wärmeren Sommertagen nicht selten ohne Hosen, welches zu erspähen die Schüler immer sehr begierig waren. Gelernt wurde nichts“.
Diese Erfahrungen sollten den künftigen Weg von Franz Gottlieb bestimmen. Bald darauf gelang es ihm, die Mutter zu überzeugen, ihn nach Cammin umzuschulen, wo er zumindest das Latein besser erlernen konnte.
Dies war eine wichtige Voraussetzung für den nächsten Schritt. Mit 14 Jahren verließ er Mutter und Geschwister, um seinem Bruder Johann an die Waisenhausschule in Halle/Saale zu folgen. Damit war der Grundstein für den künftigen Pastorenberuf gelegt, denn die von Francke begründete Stiftung war die Studienstätte für viele pommersche Pastoren. Besonders zeichnete sich Franz Gottlieb als Vorleser zu den Essenszeiten aus, da auch diese Zeit nicht vergeudet werden durfte. Zur Belohnung erhielt er zwei Kannen Bier, die er häufig mit Kameraden zum Kochen einer schmackhaften Biersuppe im Stubenofen nutzte. Nach 2 ½ Jahren war das Studium beendet und auf Empfehlung seines Vormunds, die Mutter war inzwischen verstorben, kam er im September 1800 als Hauslehrer in die Familie des Landwirtschaftsrates v. d. Gablentz nach Fritzow. Dort traf er auf den hochbegabten Pastor Backe, der bereits seit 1762 hier tätig war. Viele Stunden verbrachten beide im Gespräch über die verschiedensten christlichen und kirchlichen Gegenstände, wobei ausgiebig dem Laster des Pfeiferauchens gefrönt wurde.
1805 verstarb Backe im Alter von 75 Jahren und nach Ablauf des Gnadenjahres wurde Franz Gottlieb als neuer Pfarrer in Fritzow eingeführt. Bereits fünf Jahre zuvor hatte er in Stettin sein erstes Examen abgelegt, dem 1806 mit dem „großen Examen“ die Ordination folgte. Mit der Witwe seines Vorgängers wurde er sich bald einig, im Ergebnis hatte er 150 Taler Schulden. Die Wirtschaft führte ihm seine jüngste Schwester. 
Mit der Kapitulation Preußens wurde Fritzow 1807/08 von französischer Einquartierung bedrängt und erst nach deren Ende faßte Franz Gottlieb den Entschluß, eine Familie zu gründen. Am 2. Januar 1809 reiste er in Begleitung seines Bruders nach Wittenfelde, um bei seinem Onkel um die Hand der Tochter anzuhalten. Das uns überlieferte Aufgebot lautet so: „Sponsus (d.h. Bräutigam) ich Franz Gottlieb Strecker, wohlberufener Prediger der Gemeinde Gottes zu Fritzow, des weiland Hochwohlehrwürdigen und Hochgelahrten Herrn Carl August Strecker, gewesenen treu verdienten Predigers der Gemeinden zu Weichmühl und Benz nachgelassener, jüngster, eheleiblicher Sohn. Sponsa (d.h. Braut) die Hochedelgeborene, viel Ehr- und Tugend-Belobte Jungfer Amalie Wilhelmine Charlotte Crohn, des Hochwohlehrwürdigen und Hochgelahrten Herrn Georg August Theodor Crohn, treu verdienten Predigers der Gemeinden zu Wittenfelde und Stuchow einzige, eheleibliche Jungfer Tochter.“ Ihre Ehe dauerte 59 Jahre und brachte insgesamt elf Kinder hervor.
Eine große Aufgabe sah Franz Gottlieb Strecker in der Verbesserung der Schulbildung auf dem Lande. Der Grund dafür dürften seine geschilderten Kindheitserfahrungen sein. Bei Amtsantritt gab es im Kirchspiel lediglich in Fritzow eine Schule, in den übrigen Dörfern des Kirchspielen sogenannte Gangschulen. Die Lehrer waren ein alter, lahmer Schneider und zwei Fischer. Die Lehrer wanderten in der Winterszeit mit ihren wenigen Zöglingen von Haus zu Haus, wo sie zusammen mit der Familie speisten. Die Kinder besuchten nur 3, selten 4 Winter diese Schule. Lesen hatten sie meist schon im Elternhaus gelernt, was durch ein ausgiebiges Durchlesen der Bibel und das Auswendiglernen des Katchismus vertieft wurde, Rechnen und Schreiben konnte nach der Konfirmation kaum einer. Mit dieser Situation unzufrieden, begann sich der Pastor in der Gemeinde nach fähigen Büdnersöhnen umzusehen, um diese in Fritzow auszubilden. Ab 1815/16 erhielt Franz Gottlieb die Unterstützung des späteren Schulrates Bernhard. So wurden in Fritzow Kurse für Lehrer aus der Camminer und benachbarten Synoden abgehalten und jährlich wurden 9 bis 12 junge Leute mit einem kleinen Stipendium versehen zu Lehrern ausgebildet. Pfarre und Schule in Fritzow waren somit Vorläufer des erst 1838 im Cammin errichteten Schullehrer-Seminars, dessen erster Lehrer Steffen gleichfalls aus Fritzow stammte. Etwa zur gleichen Zeit gab es im Ort noch eine zweite Schule - die Seefahrtsschule. Auf ihr wurden fast alle Camminer und Wolliner Kapitäne ausgebildet.
Ein einschneidendes Ereignis für Fritzow war das Großfreuer von 1840. Fast alle Gebäude des Dorfes, einschließlich der Kirche wurden ein Raub der Flammen. Lediglich das schindelgedeckte Pfarrhaus konnte unter großem Einsatz gerettet werden. Die Umstände ermöglichten es Franz Gottlieb Strecker an der Huldigung für den neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. In Berlin teilzunehmen und diesem von den schweren Sorgen zu berichten. Daraufhin wurde zu einer Landeskollekte aufgerufen in deren Ergebnis die größte Not gemindert werden konnte. 1843 konnte die neuerbaute Kirche eingeweiht werden. 
All dieser Anstrengungen müde geworden, bat Franz Gottlieb 1849, ihm seinen zweiten Sohn Karl Friedrich Wilhelm an die Seite zu stellen und 1852 endgültig aus dem Pfarramt zu scheiden. Er zog in das Pfarrwitwenhaus und widmete sich der Erziehung seiner Enkel. Im März 1868 verstarb er im gesegneten  Alter von fast 90 Jahren. Der Camminer Superintendent Meinhold nannte Franz Gottlieb Strecker den „pommerschen Normalpastor“.

(von Hans-Dieter Wallschläger - aus „Camminer Heimatgrüße“ Folge 420-Juni 1999)

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