Kirchen
im Kreis Cammin |
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Aus der Geschichte des kirchspielS groß-justin |
Das
Kirchspiel Groß-Justin war ursprünglich der Synode Treptow a. d. Rega
zugeordnet. Im Jahre 1839 fiel Groß-Justin an Cammin und dieses gab im Tausch
dafür Zirkwitz ab. Zum Kirchspiel gehörten die Orte Klein-Justin, Knurrbusch,
Redlinsfelde/Aschersruhe, Riebitz, Zoldekow sowie eine Reihe kleinerer Wohnplätze.
Die ältesten Teile der auf dem Dorfanger gelegenen
Pfarrkirche gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Nach einem Brand im Jahre
1661 erfolgte eine Erneuerung im Fachwerkstil. Umfangreiche Renovierungen der
Kirche fanden 1869 und 1915 statt. Prachtvolle Ausstattung und Bemalung machten
sie zu einem der bedeutendsten Kunstdenkmäler des Kreises Cammin. 1945 wurde
sie geplündert und später abgebrochen. Heute bieten sich dem Besucherauge ein
steinerner Trümmerhaufen und die Reste einiger Grabdenkmale - Familiengrabstätte
Bruss, Julius Lemke (1863-19?), Wilhelmine Lemke (1860-?) und Else Laabs
(1893-1928).
Eng mit der Kirchengeschichte des Ortes ist der
Pastor Albert Friedrich Heinrich David Hollatz verknüpft. 1811 in Zebbin als
Predigersohn geboren, besuchte er das Gymnasium in Stettin, studierte in Berlin
und Greifswald. Dort war er Mitglied einer königsfeindlichen studentischen
Verbindung, wurde zu sechsjähriger Festungshaft verurteilt, aber dann zu sechs
Wochen Gefängnis begnadigt, die er Schönhagen bei Plathe verbüßte. Im
Februar 1838 wurde er als Pastor in Nemitz eingeführt, jedoch bald darauf nach
Groß-Justin versetzt.
Er übernahm sein Amt in Zeiten harter
Auseinandersetzungen zwischen der Landeskirche und dem aufstrebenden
Altlutheranertum. Dieser Umstand führte besonders in der Umgebung von Cammin
und Greifenberg zu massenhaften Auswanderungen, insbesondere der Dorfbevölkerung,
nach Australien und Amerika. Die Ursachen waren nicht nur religiöser Natur,
sondern hatten auch wirtschaftliche Gründe.
Anfangs versuchte Pastor Hollatz zwischen Staat und
Kirche zu vermitteln und es gelang ihm, die Auswanderungsbewegung in seinem
Kirchspiel weitgehend zu verhindern.
Während
1839 noch auswanderten:
aus
Groß-Justin: der Bauer
Michael Heuer mit Frau und sechs Kindern; die Dienstmagd Friderike Diedrich; der
Bauer Johann Köpsel mit Frau und vier erwachsenen Kindern; der Schäfer Johann
Gauger mit Frau und vier Kindern; der Tischler Steffen und Frau und der
Schneider Friedrich Zirbel;
aus Klein Justin:
der Schneider Johann Gauger;
aus Knurrbusch:
der Kossäth Johann Heuer nebst Frau und sechs Kindern; Joachim Heuer; die Witwe
Will; der Büdner Gottfried Ramthun (67 Jahre) mit Frau Henriette Friderike
Lemcke (40) und vier Kindern: Johann Friedrich Wilhelm (19), Charlotte Friderike
Karoline Wilhelmine (14), August Ernst Ferdinand (7), Philippine Albertine
Auguste (4);
waren
es während der großen Bewegung von 1843 nur noch wenige:
aus Klein-Justin:
der Tischler Gottlieb Wilhelm Eichhorst (31) mit Frau Sophie Charlotte Marten
(27) und drei Kindern: Friedrich Wilhelm (6), Friedrich August (3), Ferdinand
August Wilhelm (1).
und aus Knurrbusch:
der Tagelöhner Martin Kaap (44) mit Frau Joh. Dorothea Luise Tank und drei
Kindern: Wilhelm Ferdinand (12), Wilhelmine Dorothea Friderike (9), Friedrich
Wilhelm (7); der Kuhpächter Martin Friedrich Krüger (55) mit
Frau Dorothea Maria geb. Burow.
Als jedoch alle Bittbriefe und Fürsprachen nicht mehr fruchteten, erklärte
Hollatz im Oktober 1847 seinen Austritt aus der Landeskirche, weil „der König
die Bitte um die Restitution (Wiedereinsetzung) der nicht unierten (alt)lutherischen
Gemeinden in ihre durch die Union (Landeskirche) gekränkten Rechte abgeschlagen
habe.“ Viele Gemeindemitglieder folgten ihm, der Camminer Superintendent Mila
schätze ihre Zahl auf zwischen 5/6 bis 7/8 der ganzen Gemeinde.
Die Landeskirche enthob Pastor Hollatz seines Amtes und führte den
Nachfolger Röber ein. Doch ergaben sich neue Schwierigkeiten, da der
benachbarte Kirchenpatron Graf von Wartensleben in Schwirsen, Hollatz in Schutz
nahm, und zum dortigen Pastor berufen wollte. Nach dem Tode von Pastor Hollatz
am 8.November 1849 wurde bald darauf auch der erfolglose Röber versetzt. Es
dauerte dann drei Jahre bis wieder ein landeskirchlicher Pastor nach Groß-Justin
kam.
In der Zwischenzeit konnte sich die altlutherische Gemeinde etablieren.
Bereits 1847 errichtete sie im östlichen Teil des Dorfes ein schlichtes
Fachwerkgebäude. 1905 wurde ein Neubau in Backstein begonnen (Turm) und 1927
mit der Fertigstellung des Saalbaues vollendet. Dabei ist zu berücksichtigen,
daß sich die altlutherischen Gemeinden selbst finanzieren mußten. Um 1865
wohnten im Kirchspiel Groß-Justin 1093 Altlutheraner, mit Hauptkirche in Groß-Justin
und Nebenkirche in Schwirsen. Die Gemeinde beschäftigte einen Pfarrer und zwei
Küster, die in einer eigenen Schule ca. 90 Kinder unterrichteten. Nachfolger
von Hollatz wurden in Groß-Justin die altlutherischen Pastoren Carl Weicker,
Hinz, R. Kuschke (1891-1926), Kiunke, Schröder und König.
1939 zählte der altlutherische Pfarrbezirk Groß-Justin einschließlich
Schwirsen 945 Seelen und war damit nur wenig kleiner als der Pfarrbezirk Cammin
inclusive Jassow und Dargsow. Die Backsteinkirche – heute von den polnischen
Katholiken genutzt – grüßt den Besucher in Erinnerung an die Begründung der
altlutherischen Bewegung im Nordosten unseres Heimatkreises vor 150 Jahren durch
Pastor Hollatz.
(von Hans-Dieter Wallschläger - aus „Camminer Heimatgrüße“ Folge 422-Oktober 1999)